Frankreich bekommt einen neuen Star auf den Schienen: den TGVM. Als erster komplett neuer Hochgeschwindigkeitszug des Landes seit fünf Jahren soll er Maßstäbe setzen – für Technik, Nachhaltigkeit und Reisekomfort. 115 Exemplare des Zuges, der offiziell als „Avelia Horizon“ vom französischen Hersteller Alstom bezeichnet wird, hat die staatliche Bahngesellschaft SNCF bestellt. Die ersten Fahrzeuge sollen ab Anfang 2026 verkehren – auch grenzüberschreitend, beispielsweise nach Deutschland.
Doch was bedeutet der TGVM für Reisende, Betreiber und Umwelt? Ein Blick auf Chancen und Herausforderungen.
Fortschritt für Betreiber und Umwelt
Für die SNCF bietet der neue Zug zahlreiche Vorteile. Die Kapazität pro Einheit ist höher, die Wartungskosten sinken, und am Ende der Lebensdauer kann der TGVM zu beeindruckenden 97 % recycelt werden – ein starkes Signal in Sachen Ressourcenschonung und Umweltbewusstsein. Zudem ist das Außendesign so konzipiert, dass der Energieverbrauch, etwa durch Klimaanlagen, im Sommer sinkt. Möglich macht dies die helle Lackierung, die weniger Wärme aufnimmt als dunklere Farben.
Dennoch sorgte genau dieses Design für Kritik – weg vom ikonischen Look der Vorgänger, hin zu einer „fließenden, hellen Ästhetik“, die laut SNCF besser mit der Umwelt verschmelzen soll. Geschmackssache, meinen viele. Fakt bleibt: Das Design verzichtet auf die früher typischen, auffälligen Farben und setzt stattdessen auf Praktikabilität.
Verspäteter Start eines Prestigeprojekts
Eigentlich sollte der TGVM bereits zu den Olympischen Spielen 2024 in Paris Premiere feiern. Doch die Zulassung verzögerte sich – nun sollen die Tests bis Sommer 2025 abgeschlossen werden. Danach folgt die Schulung des Personals, sodass erste Einsätze auf den Strecken Paris–Lyon und Paris–Marseille im Jahr 2026 realistisch erscheinen – wenn alles nach Plan läuft.
Der TGVM ersetzt dabei die altgedienten TGW POS und Réseau, die seit den 1980ern europäische Hochgeschwindigkeitsgeschichte schrieben. Es ist ein Prestigeprojekt, das Frankreichs Ruf als Bahnnation stärken soll – und das bis weit in die zweite Hälfte des 21. Jahrhunderts.
Komfort mit Abstrichen: Der Fahrgast im Fokus
Beim Einstieg fällt ein Manko sofort auf: Barrierefreiheit ist Mangelware. Nur ein Zugang pro Zug ist wirklich barrierefrei, ansonsten müssen Reisende zwei Stufen vom Bahnsteig in den Zug und gegebenenfalls weitere Stufen zum Oberdeck überwinden – wenig komfortabel für mobilitätseingeschränkte Menschen oder Reisende mit schwerem Gepäck. Immerhin: Für Rollstuhlfahrende gibt es einen integrierten Hublift und reservierte Stellplätze mit hochwertigen Sitzen und exklusivem Service.
Der neue Innenraum punktet mit moderner Technik: WLAN auf Basis von 5G, Steckdosen an jedem Sitzplatz, adaptive Beleuchtung und ein neues Sitzdesign mit weicherer Polsterung und hochwertigen Stoffen (85 % Wollanteil). Die Sitze bieten ein hohes Komfortniveau, insbesondere in der ersten Klasse, wo sie sich sogar elektrisch verstellen lassen.
Doch auch hier gibt es Kritikpunkte: Die Kopfstützen sind verhältnismäßig hart, USB-C-Anschlüsse fehlen, und die meisten Gepäckablagen befinden sich – wenig praktisch – im Oberdeck. Diese wirken zudem provisorisch und bieten keinen Schutz vor dem Herausfallen oder Diebstahl.
Kulinarischer Rückschritt: Das neue Bistro enttäuscht
Ein Highlight sollte das neugestaltete Le Bistro sein – doch der Eindruck trügt. Zwar ist der Raum optisch ansprechend, doch von echter französischer Esskultur keine Spur: Bedienung? Fehlanzeige. Stattdessen ein Selbstbedienungskiosk mit Fertiggerichten aus dem Kühlschrank – Erwärmung inklusive. Wer Service und frische Speisen erwartet, wird enttäuscht. Selbst osteuropäische Bahnen bieten hier deutlich mehr.
Positiv bleibt: Die hohe Modularität des Zuges ermöglicht schnelle Umbauten – etwa bei Sitzklassen oder Fahrradstellplätzen. Zwei Fahrräder passen in die erste Klasse, sechs in die zweite – jedoch sind auch hier die Aufhängungen kaum überzeugend.
Fazit: Ein moderner Zug mit Verbesserungspotenzial
Der TGVM bringt vieles mit, was ein moderner Zug heute bieten sollte: Nachhaltigkeit, moderne Technik, mehr Komfort – aber auch Designentscheidungen, die Kopfschütteln hervorrufen, und ein Bordservice, der dem französischen Anspruch nicht gerecht wird.
Für die Umwelt bedeutet der TGVM zweifellos einen Schritt nach vorn. Für Fahrgäste bietet er mehr Raum und Komfort, doch der fehlende Fokus auf Barrierefreiheit und der enttäuschende Bordservice trüben das Gesamtbild.
Eines ist klar: Der TGVM wird in den kommenden Jahrzehnten prägend für den europäischen Hochgeschwindigkeitsverkehr sein – und bleibt damit ein spannendes, wenn auch nicht perfektes Zukunftsprojekt.
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