Ein unterirdisches Meisterwerk mitten in München
Was derzeit unter der bayerischen Landeshauptstadt entsteht, ist mehr als nur ein Bauprojekt – es ist ein Meilenstein für Technik, Nachhaltigkeit und urbane Mobilität: Die zweite S-Bahn-Stammstrecke München. Mit fünf neuen Stationen, darunter ein gigantisches Tiefbauwerk unter dem Hauptbahnhof, schreibt die Stadt ein neues Kapitel deutscher Infrastrukturgeschichte.
Deutschlands tiefste Baugrube
Die Fakten beeindrucken: 11 Kilometer neue Strecke, davon 7 Kilometer im Tunnel, 40 bis 50 Meter tief unter der Stadt. Es ist die tiefste Baugrube Deutschlands. Besonders spektakulär: Der „Nukleus“ unter dem Hauptbahnhof – ein technisches Herzstück, das Reisende per Fahrtreppe aus 40 Metern Tiefe zur neuen Empfangshalle bringt.
Bauingenieure sprechen von einer „Kathedrale unter der Erde“. Spezialtiefbau, Schlitzwandtechnik, Drucklufttunnel – hier wird mit Methoden gearbeitet, die selbst international Seltenheitswert haben. Die Planung und Umsetzung erfolgen mit höchster Präzision – aus Gründen der Sicherheit, Umweltverträglichkeit und Rücksicht auf denkmalgeschützte Bausubstanz.
Umweltschutz mit System
Wer denkt, Betonbauten dieser Größe seien ein Widerspruch zu Nachhaltigkeit, irrt. Von Anfang an wurde das Projekt auf Umweltfreundlichkeit und Ressourcenschonung ausgelegt. Das abgepumpte Grundwasser – bis zu 60 Liter pro Sekunde – wird gereinigt und in den Stadtgraben zurückgeleitet. Regenwasser wird in riesigen Becken gefiltert, um Verschmutzung zu vermeiden.
Der Energieeinsatz, die Reduzierung des Autoverkehrs, der Ausbau des ÖPNV – all das zahlt direkt auf Münchens Klimaziele ein. Laut einer Studie der TU München bringt jeder Euro, der in den ÖPNV investiert wird, eine Rendite von 3 Euro – durch weniger Emissionen, weniger Staus, bessere Luft und ein gesünderes Stadtklima.
Die erste Stammstrecke platzt aus allen Nähten
Die erste Stammstrecke war für 250.000 Fahrgäste pro Tag gebaut worden. Heute nutzen sie 850.000 – mehr als der gesamte Fernverkehr der Deutschen Bahn. Sie ist Europas meistbefahrene zweigleisige Strecke. Jede Störung hat systemweite Auswirkungen.
Die zweite Stammstrecke ist also keine Option, sondern Notwendigkeit. Sie soll das modernste S-Bahnsystem Deutschlands begründen – mit Expresslinien, 15-Minuten-Takt ganztägig, direkter Anbindung an U-Bahn, Tram und Fernverkehr.
Kostenexplosion – typisch Großprojekt?
Ursprünglich mit 3,8 Milliarden Euro angesetzt, liegt das Budget inzwischen bei 10,9 Milliarden. Das wirft Fragen auf. Warum dauert es so lange? Warum ist es so teuer?
Die Antwort ist komplex. Technische Herausforderungen, politische Umplanungen, Bürgerbeteiligung, Umweltauflagen, Inflation – all das bremst, macht das Projekt aber auch besser, sicherer und zukunftsfähiger. Der Vergleich mit Ländern wie China hinkt – dort gibt es weder Denkmalschutz noch öffentliche Mitsprache.
Luxusprojekt oder notwendige Investition?
Die zweite Stammstrecke wurde und wird politisch instrumentalisiert. CSU-Prestigeprojekt? Vielleicht. Aber auch: dringend notwendige Entlastung für eine wachsende Stadt mit Millionen Menschen im Einzugsgebiet.
Sicher ist: Wenn 2035 oder 2037 die ersten Züge rollen, wird München über ein S-Bahnsystem verfügen, das Maßstäbe setzt – in Technik, Komfort, Barrierefreiheit und Taktung. Jeder, der heute im Stau steht oder auf verspätete Bahnen wartet, weiß: Die Zukunft muss anders aussehen.
Die Baukunst unter der Altstadt
Was viele nicht wissen: Der Bau geschieht unter strengsten Auflagen. Hebungsinjektionen stabilisieren Altbauten, Drucklufttechnik verhindert Wassereinbruch in sensiblen Zonen. Der Bau unter dem Marienhof – ein früherer Park – erfolgt so behutsam wie technisch möglich.
Es ist ein Bau der Superlative, nicht nur wegen seiner Größe, sondern wegen seiner Verantwortung: gegenüber Mensch, Natur und Stadtgeschichte. Jeder Schritt ist minutiös geplant, jede Maschine, jedes Material muss durch Schleusen. Selbst Atemmasken für Notfälle gehören zur Ausrüstung tief unter der Erde.
Wirtschaft und Umwelt profitieren gleichermaßen
Mehr Menschen auf die Schiene bedeutet: weniger Autos, weniger Lärm, weniger CO₂. Der neue Knotenpunkt unter dem Hauptbahnhof und die drei unterirdischen Stationen verbinden Innenstadt, Umland und Fernverkehr effizienter denn je.
Auch die Wirtschaft profitiert: vom verbesserten Zugang zu Arbeitsplätzen, dem Tourismus, von neuen Impulsen für Handwerk und Baugewerbe – mit langfristigem Nutzen für alle Beteiligten.
Ein Jahrhundertprojekt mit Herausforderungen – und Chancen
Die zweite Stammstrecke ist ein Symbol für nachhaltigen Stadtumbau, für Technik im Dienste der Menschen, für Fortschritt mit Augenmaß. Sie ist ein Projekt für die nächste Generation – für eine Stadt, die wächst, für eine Gesellschaft, die sich klimafreundlich und effizient bewegen will.
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