Die geopolitische Ausgangslage
Das Jahr 2024 markiert einen historischen Wendepunkt: Das Regime von Baschar al-Assad in Syrien ist zusammengebrochen, der Präsident ist nach Moskau geflohen, und das syrische Volk feiert das Ende seiner Herrschaft. In dieser neuen Phase der Unsicherheit stellt sich die Frage, welche Rolle die Türkei spielt und welche Herausforderungen sie in Syrien zu bewältigen hat.
Ein angespanntes Verhältnis: Türkei und Syrien in der Geschichte
Die Türkei und Syrien verbindet eine lange, aber konfliktreiche Geschichte. Eine der zentralen Streitfragen ist der Alexandretta-Sandschak, eine Region, die 1939 von der Türkei annektiert wurde, aber weiterhin von Syrien beansprucht wird. Weitere Spannungen entstanden durch türkische Staudammprojekte am Euphrat und Tigris, insbesondere den Atatürk-Staudamm, der in Syrien Ängste vor Wassermangel auslöste.
Während des Kalten Krieges standen sich die Länder feindlich gegenüber: Die Türkei war ein treuer NATO-Verbündeter des Westens, während Syrien der Sowjetunion nahestand. Besonders in den 1980er- und 1990er-Jahren eskalierten die Spannungen, als Syrien die PKK unterstützte – eine kurdische Organisation, die Ankara als existenzielle Bedrohung betrachtet.
1998 wurde der PKK-Anführer Abdullah Acalan unter türkischem Druck aus Syrien ausgewiesen, was zu einer vorübergehenden Verbesserung der Beziehungen führte. Diese Annäherung beruhte jedoch mehr auf pragmatischen Interessen als auf echtem Vertrauen.
Der Syrienkrieg und die türkische Intervention
Der Krieg in Syrien, der 2011 begann, stellte einen Wendepunkt dar. Die Türkei positionierte sich als entschiedener Gegner des Assad-Regimes und unterstützte bewaffnete Gruppen im Kampf gegen Damaskus. Offiziell begründete Ankara seine militärischen Operationen in Nordsyrien mit der Bekämpfung der Terrormiliz Daesh (IS). Tatsächlich zielten diese Einsätze aber auch darauf ab, die kurdische YPG – den syrischen Ableger der PKK – daran zu hindern, eine autonome Region an der türkischen Grenze zu etablieren.
Seit 2016 hat die Türkei mehrere Militäroffensiven in Nordsyrien durchgeführt und dort Gebiete unter ihre Kontrolle gebracht. Damaskus betrachtet diese Präsenz als Besatzung, während Ankara die Sicherheit an seiner Südgrenze betont. Gleichzeitig versuchte Präsident Erdogan, trotz seiner langjährigen Feindschaft mit Assad, eine Annäherung zu erzielen, um die Rückkehr syrischer Flüchtlinge zu erleichtern. Doch Damaskus machte dies von einem vollständigen Truppenabzug Ankaras abhängig – ein Hindernis, das eine Normalisierung der Beziehungen verhinderte.
Das Machtvakuum in Syrien nach Assad
Nach dem plötzlichen Zusammenbruch des Assad-Regimes im Jahr 2024 ist Syrien territorial zersplittert:
- Das ehemalige Assad-Gebiet, das zuvor von Russland und dem Iran gestützt wurde, ist führungslos.
- Kurdische Kräfte kontrollieren weiterhin den Nordosten Syriens.
- Die von der Türkei unterstützten Rebellen, darunter die HTS (Hayat Tahrir al-Sham), haben ihre Gebiete ausgeweitet und sogar Teile von Aleppo unter ihre Kontrolle gebracht.
Diese Entwicklungen haben zu neuen Spannungen geführt. Während die USA Luftangriffe gegen IS-Stellungen durchführten, um ein Wiedererstarken der Terrormiliz zu verhindern, forderte Russland Damaskus auf, die Kontrolle zurückzugewinnen. Der Iran sicherte dem gestürzten Assad-Regime weiterhin Unterstützung zu.
Die Türkei und die HTS: Verbündete oder Gegner?
Die HTS, die eine islamistische Ideologie verfolgt, entstand aus ehemaligen al-Qaida-nahen Gruppen und wurde von vielen Ländern, darunter die USA und Großbritannien, als Terrororganisation eingestuft. Trotz ideologischer Differenzen hat die Türkei in der Vergangenheit pragmatische Beziehungen zu ihr unterhalten.
Ein hochrangiger türkischer Regierungsmitarbeiter erklärte kürzlich, dass Ankara die HTS-Offensive in Aleppo nicht verhindert, sondern stillschweigend akzeptiert habe. Dies könnte darauf hindeuten, dass die Türkei in Syrien eine strategische Neuausrichtung verfolgt.
Während die Türkei bisher versuchte, die HTS aus ihrer Einflusszone in Nordsyrien herauszuhalten, könnte der Sturz Assads eine neue Dynamik schaffen. Ankara könnte versuchen, durch die Rebellen mehr Kontrolle über die syrische Politik zu gewinnen und gleichzeitig seine Sicherheitsinteressen gegen die Kurden zu wahren.
Welche Zukunft erwartet die Türkei in Syrien?
Die Türkei sieht in Assads Sturz sowohl Chancen als auch Risiken:
- Vorteile: Eine neue syrische Regierung könnte offener für eine Zusammenarbeit mit der Türkei sein, was die Rückkehr syrischer Flüchtlinge erleichtern könnte. Zudem könnte Ankara seinen Einfluss in Nordsyrien weiter ausbauen und die YPG schwächen.
- Risiken: Die Machtverhältnisse in Syrien sind instabil, und es ist unklar, ob ein neuer syrischer Staat unter Einfluss der Türkei entstehen kann oder ob sich andere Mächte – Russland, der Iran oder westliche Staaten – stärker engagieren werden.
Die Türkei bleibt einer der entscheidenden Akteure im Syrienkonflikt. Ob sie die neue Situation zu ihrem Vorteil nutzen kann, wird sich in den kommenden Monaten zeigen.
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